Samstag, 16. Juni 2012

Fremde Freunde

Ein lesenswertes Interview von orf.at mit dem in Wien lehrenden, griechisch-stämmigen Südosteuropa-Experten Adamantios Skordos und zugleich ein Beitrag zum besseren Verständnis der Ist-Situation:


Fremde Freunde

Wenn Griechenland am Sonntag erneut an die Urnen schreitet, dann sieht sich Europa mit neuen stärker werdenden griechischen Parteien konfrontiert, deren Handlungen schwer abschätzbar sind. Doch nicht nur die griechische Politik, auch die Haltungen der griechischen Öffentlichkeit, etwa die Vehemenz, mit der man in Griechenland immer noch das Thema Makedonien zu debattieren vermag, befremden Europa.
Der in Österreich geborene und seit kurzem an der Universität Wien lehrende Südosteuropa-Experte Adamantios Skordos setzt sich seit längerem mit den kollektiven Vorstellungen seiner Heimat auseinander und hat erst vor kurzem ein viel beachtetes Buch zur Makedonien-Frage vorgelegt. Skordos zeigt dabei auch, wie politische Haltungen der Gegenwart auf einer sehr langen politischen Tradition und einem sehr lange entwickelten Freund-Feind-Schema entspringen.

Kaum Appelle an die Eigenverantwortung

Entsprechende Muster sieht er auch in der momentanen Wirtschaftskrise am Wirken, wie wohl diese Krise, wie er im Interview mit ORF.at erläutert, für ihn mehr noch als ein wirtschaftliches Problem ein politisches, gesellschaftliches und soziales Problem ist, bei dem gerade auch die griechischen Medien mit ihrem Hang zum Populismus eine alles andere als vorteilhafte Rolle spielten. Die griechischen Medien, so Skordos, würden selten an die Verantwortung des Einzelnen erinnern.
In Griechenland, so Skordos, habe in den letzten Jahrzehnten ein Egoismus stark Platz gegriffen. „Der Prozess, dass man sein persönliches Wohl mit dem der Allgemeinheit in Verbindung brachte, hat tatsächlich gefehlt. Es gibt ein interessantes Phänomen hinter dem griechischen Patriotismus: Man liebt die Nation, aber hasst den Staat.“ Aus dieser Einstellung heraus habe man auch das Zahlen von Steuern als keine gute Investition verstanden.
Adamantios Skordos Im Interview mit ORF.at-Chefredakteur Gerald HeideggerORF.at/Carina Kainz„Es gibt ein interessantes Phänomen hinter dem griechischen Patriotismus: Man liebt die Nation, aber hasst den Staat.“

Angespannte Drähte: Griechenland und Europa

Dass Griechenland und Europa derzeit einen alles andere als guten Gesprächs- und Verständnisdraht haben, hat für Skordos eine Reihe von Gründen. „Die deutsche Art der Argumentation mit dem erhobenen Zeigefinger“ komme im Moment in Griechenland nicht gut an, weil sich die Griechen immer auch an die Vergangenheit erinnert fühlten. Aus der Krise werde man nur kommen, wenn man Griechenland auch Zeit gebe, entsprechende Maßnahmen umzusetzen. Einen Knackpunkt für die Entfremdung von Griechenland und Europa sieht Skordos in den Ereignissen nach 1989 begründet.
„Griechenland hatte damals extreme Schwierigkeiten, sich neu zu positionieren. Während sich die Ereignisse rapide entwickelten, hatte Griechenland Probleme, sich wiederzufinden“, erläutert Skordos. Das gelte gerade auch für das Verhältnis von Griechenland und der EU: „Früher war man eine Hochburg des Westens in einem kommunistischen Südosteuropa. Man musste feststellen, dass man nicht mehr das einzige Liebkind der Amerikaner in der Region war und verstand die EU nicht mehr, weil sich ein Gros der EU für die Desintegration Jugoslawiens einsetzte.“
Die EU habe Griechenland in dieser Zeit nicht verstanden, etwa wegen der Makedonien-Frage. Und man habe auch nicht nachvollziehen können, warum man immer wieder bei Entscheidungen von Griechenland erpresst wurde: „Die EU war von Griechenland überfordert, so wie man in der EU heute mit Griechenland und der griechischen Elite überfordert ist.“

Gefühlte Fremdbestimmung

In griechische Haltungen der Gegenwart spielt aber auch immer wieder das Moment gefühlter Fremdbestimmung hinein, für das es für den Historiker auch eine längere Traditionslinie gibt. Die erste Intervention von außen aufgrund wirtschaftlicher Schwierigkeiten hat das unabhängige Griechenland 1832 kennengelernt, als ein Kredit der europäischen Mächte nur in Verbindung mit der Errichtung eines Königtums unter einem bayrischen Wittelsbacher Prinzen zu erhalten war.
„Fremdbestimmung war immer ein Thema, sowohl im 19. als auch im 20. Jahrhundert“, so Skordos, der daran erinnert, dass die ersten Parteien, die in Griechenland gegründet wurden, „ja die englische, die französische oder die russische Partei“ heißen, „weil man nach außen hin ausgerichtet war und dachte, man müsse unter dem Schutz einer dieser Nationen stehen“.
„Die Entscheidung, einen Prinzen aus Bayern als König zu ernennen, war ja eine Kompromisslösung der Schutzmächte, die ja eine wichtige Rolle bei der sogenannten Befreiung der Griechen hatten. Das ist die erste Phase der Fremdbestimmung in Griechenland. Fremdbestimmung als Trauma ist aber sehr eng mit den Erfahrungen aus dem Zweiten Weltkrieg und dem Bürgerkrieg danach verbunden“, so der Historiker, der auch im Anti-Amerikanismus nach 1950 im linken Lager eine fortgesetzte Tradition des Fremdbestimmungsdenkens sieht.
Letztlich würden in Griechenland immer wieder die Medien genau dieses Muster bedienen und die eigene Verantwortung auf äußere Faktoren projizieren.

Neue Parteien und alte Eigenschaften

Populistische Phänomene wie SYRIZA sieht der Historiker als neuen Wein in alten Schläuchen: „Alexis Tsipras erinnert sehr an Andreas Papandreou in den 1980er Jahren, der auch allen alles versprochen hatte. Er gibt im Moment keinerlei plausible Antworten zu den Problemen. Es ist kein Zufall, dass sich viele PASOK-Anhänger in SYRIZA wiederfinden.“
Das Verhältnis des Griechen zu seiner Partei beschreibt Skordos als eines, in dem vor allem persönliche Eigeninteressen, egal in welchem politischen Lager man sich gerne sah, die entscheiden Rolle spielten: „Ab dem Moment, wo eine Partei nicht mehr dieses Wunschdenken der Bevölkerung bedienen konnte, kann man feststellen, wie rasch eine große zu einer kleinen Partei werden kann.“ Und Parteien wie die sozialistische PASOK hätten mit „Ernüchterung“ feststellen müssen, wie wenig die Wähler in Griechenland ideologisch gebunden waren.

Der erhobene Zeigefinger hilft nicht

Im Verhältnis von Europa und Griechenland sieht Skordos momentan kein Land als besonders privilegierten Partner, um gegenseitige Missverständnisse leichter auszuräumen. Allerdings, so der Historiker: „Die Maßnahmen, die von Griechenland verlangt werden, brauchen vor allem Zeit. Und das wird im Moment viel zu wenig gesehen.“ Der erhobene Zeigefinger von außen helfe im Moment am allerwenigsten, so der Befund des in Wien lehrenden Griechen.
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