Freitag, 15. Juni 2012

Griechenland vor der Wahl

Alle Griech/inn/en (und wohl auch der Rest Europas) blicken gespannt auf den kommenden Sonntag, an dem die neuerlichen Parlamentswahlen stattfinden. Hoffentlich bringen sie dem arg gebeutelten Hellas und seinen Menschen eine einigermaßen stabile Regierung, welche die (in allen Bereichen) dringend erforderliche Konsolidierung des Landes vorantreiben kann.


Ich möchte euch einen Beitrag, der unlängst von einer langjährigen Zakynthos-Kennerin im SOAK-Forum gepostet wurde und der die Situation im Mikrokosmos Zakynthos sehr ausgewogen und ehrlich beschreibt, nicht vorenthalten. Sabine ist auf der anderen Seite des Golfes von Laganas, in Keri, zu Hause. Hier ihre Sicht der Dinge:


"Also die allgemeine Stimmung in der Bevölkerung ist zurückhaltend, frustriert, vor allem dass die Schuldigen an der Krise nicht zur Verantwortung gezogen wurden. Es wird ausgeharrt, Teile der Bevölkerung wissen vor der Wahl nicht, wem sie noch vertrauen sollen, wem sie glauben sollen. 

Allgemein auf Zakynthos ist uns sofort aufgefallen, dass es viel sauberer - auch am Rand der Straßen - geworden ist, sowie es auch Wolfgang Löhnert im ORF in der Fernsehdebatte „Im Zentrum“ vor. ca. 4 Wochen berichtet hatte. Dieses gilt aber nicht nur für die Straßen Richtung Jerakas, sondern auch in den Orten Limni Keriou bzw. Laganas. Auch wurden die Strände gesäubert bzw. mittlerweile in der Früh der Mist vom Strand aufgesammelt. Was uns nur etwas verwunderte, wir besuchten auch die Bucht von Daphni, plauderten mit den uns bekannten Einheimischen bzw. Tavernenbesitzern: diese ärgerten sich eigentlich über „diese unnötige Geldverschwendung“, dass jetzt sozusagen einmal am Tag auf den Straßen ein Putztrupp durchgeht, wo doch Griechenland eh kein Geld hat. Es ist offensichtlich noch nicht ganz durchgedrungen, dass sich Touristen erfreuen, wenn kein Mist herumliegt. Ein Fortschritt auf jeden Fall von dem zuständigen Politiker. Ebenfalls in Zakynthos Stadt beobachteten wir einige Putztrupps die untertags auf den Haupteinkaufstraßen und am Markusplatz durchgingen. Ein weiteres Beispiel für eine positive Veränderung am Flughafen, er wirkte nicht nur sauberer, auch die Durchführung von Landungen und Starts, das Ein- und Aussteigen, der Bustransfer vom Flugfeld zum Gebäude, verlief sehr reibungslos und flott. Eine ungewöhnliche Erkenntnis, welches mir die letzten Jahre noch nicht aufgefallen ist. 

Grundsätzlich wurde auf Zakynthos auch vor einem Jahr eine Grundstücksregistrierung per Flugzeug aus, durchgeführt, welche alle Grundstücke, Häuser, Pools, usw. erfasste. Natürlich muss jeder jetzt etwas mehr zahlen, aber auch die Großbesitzer die ein 50 m² Haus angegeben haben, allerdings in Wahrheit ein großes Hotel mit unzähligen Zimmer und Pool betreiben. Unsere griechischen Freunde sehen das eigentlich recht positiv, dass jetzt nach dieser Neuvermessung „alle“ zahlen müssen und nicht nur wieder die „kleinen“ Leute. An sonst herrscht bittere Arbeitslosigkeit auf der Insel. Unsere griechischen Freunde, egal ob von unserem Bergdorf Keri oder auch von Katastari hoffen natürlich, dass auch ihre Jugend, aber auch die altersmäßige Mittelklasse zwischen 40 und 50 Jahren einen Job bekommt. Als Beispiel versucht unsere Freundin aus der Gegend Katastari einen Job im Tourismusbereich (Service, Küche…) oder sonst etwas zu bekommen. Leider wurde sie bis jetzt nicht genommen, da Albaner, Rumänen, Bulgaren (die alle samt eine gültige Arbeitsgenehmigung vom Staat besitzen) günstiger zu haben sind. Allerdings sollte man schon auch zusätzlich erwähnen, dass in guten Zeiten sich fast jeder griechische Tavernenbesitzer oder auch nur Zimmervermieter immer eine billige Arbeitskraft genommen hat, um lieber selber gemütlich zu sitzen oder mit den Gästen zu plaudern. Mittlerweile sind Albaner, Rumänen oder Bulgaren aus der Gesellschaft nicht mehr wegzudenken, haben sich eingelebt und arbeiten und leisten vieles. 

Vor allem leben die Griechen vom Tourismus und es sollte die Jugend gefördert werden, um neuen Herausforderungen dieser Branche entgegentreten zu können. So wäre es sicher sehr zu begrüßen, wenn Tourismusschulen oder ähnliche Projekte auf Zakynthos oder anderen Insel geschaffen werden, wo der heutigen Jugend nicht nur Servieren, Kochen usw. beigebracht wird, sondern dazu auch noch die damit zusammenhängende Gebiete wie Betriebswirtschaft, Buchhaltung und vieles vieles mehr. Dazu vielleicht noch viele andere förderliche Aufgabenkreise und Konzepte (Mülltrennung und Verwertung usw.), die in den nächsten Jahrzehnten von Nutzen sein werden. 

Im Moment, kann man nicht sagen, dass es einen Tourismuseinbruch um 30 % gibt, wir sind alle Jahre um die gleiche Zeit in Limni und heuer war es zum ersten Mal, dass der Strand doch recht voll war. Allerdings waren auch viele russische und tschechische Gäste da. Es entzieht sich meiner Kenntnis, ob abends dann auch in den Tavernen essen gegangen wird. 
Die griechischen Tavernenbesitzer kommen auch wieder zu ihren alten Wurzeln zurück, man bekommt jetzt fast in jeder Taverne noch einen Ouzo, Wein oder Obst als Draufgabe dazu. 

Dieses kranke „korrupte“ System hat sich über Jahrzehnte aufgebaut und das Volk hat einen Weg gefunden mit diesem System zu leben. Über Jahrzehnte waren die verschiedensten Parteien auf Stimmenfang aus und stellten danach ihre stimmgetreuen „Mitarbeiter“ in allen nur denkbaren Funktionen ein. Auf jeden Fall, auch wenn es zum schlimmsten Szenario kommt, und Griechenland verliert den Euro, sind die Griechen es immer wert besucht zu werden. Das griechische Volk hat durchaus Mitschuld an ihrer Finanzkrise, aber leider wurden „die ca. 30 % Reichen“ nie wirklich zur Kassa gebeten. Allen anderen ist sehr wohl bewusst, dass sich was ändern muss – was bleibt ist zumindest die Hoffnung und die stirbt zuletzt. 

Griechenland - natürlich Zakynthos besonders - ist immer eine Reise wert, allein wegen der Gastfreundschaft, Geselligkeit, dem sauberen Meer und vielem, vielem mehr."

Liebe Grüße aus Wien und Jasas 
Sabine
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